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VDI Technologieforum 26.3.2019

Unter dem Motto „Macht automatisiertes Fahren Spaß?“ diskutierten beim VDI Technologieforum am 26.März Experten aus Industrie und Forschung eine noch wenig beachtete Facette der Mobilität von Morgen.

Für Ingenieure drängen sich in aller Regel Fragen nach Effizienzsteigerung und Verbrauchsoptimierung auf. Die Frage nach dem Spaß an einer Technik wird eigentlich nie gestellt. Völlig zu Unrecht, wie viele Teilnehmer nach dem VDI Technologieforum, das in Kooperation mit der Hochschule München im Hörsaal Blaue Tonne stattfand, bestätigten.

Nach der Begrüßung durch den VDI Süd-Vorsitzenden und Professor für Fahrzeugtechnik der Hochschule München Prof. Dr. Peter Pfeffer und der Einführung durch Dr. Maria Kuwilsky-Sirman, die durch den Abend führte, stellten die Referenten ihre Thesen in kurzen Impulsvorträgen vor.

Prof. Dr. Klaus Bengler, Leiter des Lehrstuhls für Ergonomie an der TU München, beschäftigte sich mit der Frage, wem eigentlich – neben dem Forscher und dem Entwickler – autonomes Fahren Spaß machen soll. Da es den Fahrer nicht mehr gibt, bleibt der Kunde.

Der Kunde ist ein Mensch und Menschen haben Spaß an Aktivitäten, die sie fordern, bewältigen und kontrollieren können; an Dingen, die erlebbaren Nutzen stiften und an gelungenen Kooperationen. Bengler ist sich sicher, dass autonomes Fahren nur dann Spaß machen wird, wenn die Systeme vertrauenswürdig sind und Monotonie und Langeweile vermieden werden. Denn so Bengler: „bei Über- und Unterforderung verlässt der Spaß den Raum.“

Prof. Bernhard Schick, Professor für Maschinenbau an der Hochschule Kempten, warf einen Blick auf die aktuelle Ausstattung des bundesdeutschen Fahrzeugbestands. Nachdem 40% aller Fahrzeuge älter als zehn Jahre sind, ist die Anzahl an Fahrer-Assistenzsystemen wie Adaptive Cruise Control (ACC = Abstandsregeltempomat) immer noch sehr überschaubar.

Auch kämen die automatisierten Systeme relativ schnell an ihre Grenzen und würden dann den Fahrer fordern, was keinen Spaß mache. Schick konstatierte, dass „hier noch viele Wege zu gehen sind“ und mit dem automatisierten Fahren „der Fahrspaß zum Spaß am Gefahrenwerden werden soll.“

Dr. Florian Fuhr, Leiter HAF / FAS Fahrdynamik & -applikation bei der Porsche AG, räumte zu Beginn seines Impulsvortrags ein, dass durch die schiere Anzahl der Fahrzeuge und die vielen Staus der Fahrspaß heute schon abgenommen hat.

Ein Vorteil des automatisierten Fahrens sei, dass wir Dinge, die uns keinen Spaß machen, an die Autos abgeben können. Fahrerassistenzsysteme dürften den Fahrer aber nicht stören und müssen den größtmöglichen Sicherheitsnutzen, hohe Zuverlässigkeit, ein subjektives Gefühl der Sicherheit und Spaß am Fahren erzeugen.

Dipl.-Ing. Reiner Friedrich, Hauptabteilungsleiter für „Produkte und Anforderungen“ im Bereich Vollautomatisiertes Fahren, Fahrerassistenz der BMW AG, machte auf die mit zwei bis drei Jahren sehr kurzen Entwicklungszyklen technischer Neuerungen im Bereich automatisierter Systeme aufmerksam.

Leider gebe es für neue Funktionen äußerst langwierige Zulassungsprozesse und hohe regulatorische Anforderungen. Dadurch laufe man Gefahr, dass das automatisierte Fahren für die Fahrzeughersteller wirtschaftlich nicht zu realisieren ist. Durch nicht gut abgestimmte Regulatorien entstehen bei der Einführung neuer Systeme große Probleme bei der Kundenakzeptanz.

Sicht und Absicht. Wir brauchen die Zeit

Die anschließende Podiumsdiskussion wurde moderiert von Prof. Dr. Markus Krug, Hochschule München und Aufsichtsratsvorsitzender der MdynamiX AG, einem An-Institut der Hochschule München, das sich mit Konzepten zur Fahrzeugentwicklung im Bereich Fahrdynamik & Komfort, Akustik & Schwingungstechnik sowie Fahrerassis­tenzsystemen befasst.

Trotzdem die Ansätze der Referenten, sich mit dem Spaß am automatisierten Fahren auseinanderzusetzen, sehr vielfältig waren, kristallisierte sich die große Bedeutung der Kommunikation mit und zwischen den Verkehrsteilnehmern als ein zentraler Punkt heraus.

Prof. Bengler hat Versuche zur Kooperationsbereitschaft unterschiedlicher Gruppen am Verkehr Beteiligter durchgeführt und stellt eine grundsätzliche Bereitschaft zur Zusammenarbeit von Mensch und Maschine fest. Er konstatierte, dass die Akzeptanz immer größer wird, je näher das Verhalten eines automatisierten Fahrzeugs dem menschlichen Verhalten kommt.

Am Beispiel des Spurwechsels machte Reiner Friedrich deutlich, dass Maschinen aus regulatorischen Gründen im Vergleich zum Menschen eine deutlich längere Reaktionszeit haben, wodurch es zu unbeabsichtigten Missverständnissen und kritischen Situationen kommen würde, was in der Praxis nicht funktioniert.

Wie interessant ist das Engineering der Zukunft?

Für Prof. Bengler spielt die Vermittlung von Wissen und die Transparenz über die Funktionen neuer Systeme eine ganz wichtige Rolle. Wenn für den Kunden der Alltagsnutzen der Automatisierung nicht nachvollziehbar ist, oder die Aktionen als Fehler wahrgenommen werden, handelt er nach dem Motto: „Lieber das Fahrzeug kann weniger, das aber richtig.“

Für den Erfolg automatisierter Systeme ganz entscheidend ist, dass „wir die Leute an der Hand nehmen“, so Prof. Krug, denn es existiert in der öffentlichen Wahrnehmung eine große Kluft zwischen den futuris­tischen Bildern z.B. der Werbung und der Realität. Diese könnten Menschen oft nicht mehr unterscheiden.

Am Ende der Podiumsdiskussion wurde zur Freude der zahlreichen Studierenden im Publikum die große Bedeutung einer forschungsbezogenen Lehre im Bereich „Automatisiertes Fahren“ unterstrichen.

Das Forum wurde unter großem Applaus beendet und die lebhaften Gespräche wurden beim Imbiss, der von der MdynamiX AG gestiftet wurde, noch lange fortgeführt.

Silvia Stettmayer, Technik in Bayern 

Der Vorsitzende des VDI Süd und Initiator des VDI Technologieforums Prof. Dr. Peter Pfeffer bei seinem Grußwort - hier auch in der Funktion des Gastgebers als Professor für Fahrzeugtechnik der Hochschule München

Prof. Dr. Klaus Bengler, Leiter des Lehrstuhls für Ergonomie an der TU München, beschäftigte sich mit der Frage, wem eigentlich – neben dem Forscher und dem Entwickler – autonomes Fahren Spaß machen soll. Da es den Fahrer nicht mehr gibt, bleibt der Kunde

Prof. Bernhard Schick, Professor für Maschinenbau an der Hochschule Kempten, warf einen Blick auf die aktuelle Ausstattung des bundesdeutschen Fahrzeugbestands. Nachdem 40% aller Fahrzeuge älter als zehn Jahre sind, ist die Anzahl an Fahrer-Assistenzsystemen wie Adaptive Cruise Control (ACC = Abstandsregeltempomat) immer noch sehr überschaubar

Dr. Florian Fuhr, Leiter HAF / FAS Fahrdynamik & -applikation bei der Porsche AG, räumte zu Beginn seines Impulsvortrags ein, dass durch die schiere Anzahl der Fahrzeuge und die vielen Staus der Fahrspaß heute schon abgenommen hat.

Dipl.-Ing. Reiner Friedrich, Hauptabteilungsleiter für „Produkte und Anforderungen“ im Bereich Vollautomatisiertes Fahren, Fahrerassistenz der BMW AG, machte auf die mit zwei bis drei Jahren sehr kurzen Entwicklungszyklen technischer Neuerungen im Bereich automatisierter Systeme aufmerksam.

Letztlich bleibt doch vieles eine Frage der Kommunikation zwischen Menschen - so ein Credo der angeregten Diskussion an diesem Abend

Gute Stimmung bei den Referenten und Kooperationspartnern des VDI-Technologieforums. V.l.: Prof. Dr. Markus Krug, Dr. Florian Fuhr, Dipl.-Ing. Reiner Friedrich, Dr. Maria Kuwilsky-Sirman, Prof. Dr. Klaus Bengler, Prof. Bernhard Schick und Prof. Dr. Peter Pfeffer