Ganzheitliche Mobilitätskonzepte im Bayerischen Landtag

Kurz vor der Sommerpause des Bayerischen Landtags kamen mehr als 20 Abgeordnete der Fraktion BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN zum Parlamentarischen Frühstück des VDI Landesverbandes. In Ihrer Begrüßung betonte die Co-Fraktionsvorsitzende Katharina Schulze das große Interesse der Abgeordneten am Thema Mobilität und freute sich über die Chance, in diesem Gespräch das Expertenwissen der Ingenieure zu erfahren. 

In der Pfalzstube des Maximilianeums skizzierte Landesverbandsvorsitzender Prof. Dr.-Ing. Johannes Fottner das Thema „Urbane Mobilität – Verkehrs- und Transportkonzepte der Zukunft“, die die Technische Universität München (TUM) mit der Landeshauptstadt München sowie etlichen Industriepartnern in den nächsten Jahren interdisziplinär erforschen werden. 

„Wir müssen die Mobilität von heute dramatisch überdenken“ 

Prof. Fottner ist davon überzeugt, „dass wir die Mobilität von heute dramatische überdenken müssen. Hier wird es um bessere Koordination, aber auch Verkehrsvermeidung gehen. Wir müssen koordinierend über das Gesamtsystem Mobilität denken und am Ende des Tages muss das Konzept sowohl ökologisch, als auch ökonomisch – vor allem aber gesellschaftlich vertretbar sein. Ich persönlich bin auch davon überzeugt, dass wir diese Ziele nicht ohne Einschränkung der persönlichen Mobilität erreichen werden.“ 

Über einen wichtigen Baustein zukünftiger Mobilitätskonzepte sprach Prof. Dr. Peter Pfeffer, Vorsitzender des Bezirksvereins VDI Süd, in seinem Impulsreferat „Automatisiertes und autonomes Fahren“.

Automatisiertes Fahren vor entscheidendem Schritt

Bei der kurzen Vorstellung der fünf Automatisierungsgrade des automatisierten Fahrens betonte Peter Pfeffer: „Auch viele Automobilhersteller reden davon, dass wir aktuell kurz vor Einführung der dritten Phase stehen, in der die Fahrzeuge auf speziellen Streckenabschnitten wie Autobahnen wirklich autonom fahren sollen. Das ist wirklich ein riesengroßer Schritt, nicht nur weil die Haftung der Systeme auf die Fahrzeugfirmen übergeht. Große technische Herausforderungen sehe ich bei der so genannten Übergabezeit, in der der Fahrer vom automatischen System übernehmen muss, bei der unzureichenden Abdeckung der Mobilfunknetze und der sehr komplexen Zulassungsmodalitäten.“ 

Dass mit einer raschen Einführung der Level 3-Systeme nicht zu rechnen ist, ist nicht zuletzt ein psychologisches Problem. Die große Skepsis gegenüber automatisierten Systemen spiegelt sich auch in den geringen Einbauraten der automatisierten Fahr- und Parkfunktionen wie der adaptiven Abstandsassistenten.

Die Digitalisierung der Schiene

Die lebhafte Diskussionsrunde über die automatisierten Systeme eröffneten Dr. Markus Büchler (Sprecher für Mobilität) und der Co-Fraktionsvorsitzende Ludwig Hartmann mit der These, dass diese sich sehr viel schneller im schienengebundenen Verkehr als auf der Straße durchsetzen werden.

Hartmann sagte: „Die Zeitspanne bis zur Einführung des automatisierten Fahrens ist doch sehr lang. Wir Politiker müssen den Menschen auch relativ zeitnahe Lösungen anbieten. Wir diskutieren ständig über den Öffentlichen Personennahverkehr und über den Lokführermangel. Bahnsysteme aus Deutschland waren doch führend, deshalb freue ich mich richtig über Ihr Magazin „Bahntechnik“.

Die Bedeutung des Individualverkehrs

"Generell kann ich nicht verstehen, warum wir die Digitalisierung der Schiene nicht viel mehr diskutieren, andere Länder sind da schon viel weiter.“ Prof. Fottner unterstrich die Bedeutung des Schienenverkehrs, betonte aber die hohe öffentliche Anziehungskraft und Attraktivität der automobilen Themen und die große Bedeutung des Individualverkehrs.

Ausschlaggebend ist nicht das Verkehrsmittel, sondern das ganzheitliche Mobilitätskonzept“, so Fottner. „Wir müssen über multimodale Lösungen reden und dazu gehören natürlich auch Schienenverkehre. Es existiert grobgesagt im Verkehr eine Dreiteilung: die erste Gruppe umfasst Wege, Fahrten und Transporte, die eigentlich nicht notwendig sind.

Dann gibt es sehr viele Fahrten, die notwendig sind, die ich aber sehr gut kombinieren könnte und dann gibt es Fahrten wie z.B. Rettungseinsätze und Krankentransporte, die ich nicht kombinieren kann.

Für diese Transporte könnten wir Platz schaffen, wenn wir die ersten zwei Gruppen verkleinern. Entscheidend ist aber das Gesamtkonzept und wir müssen in Zukunft Systeme aus vielen Komponenten in möglichst optimaler Weise gestalten.

Das Gesamtkonzept entscheidet

Markus Büchler kam nochmal auf die Digitalisierung der Schiene zurück und äußerte die Meinung, dass bei einem Finanzbedarf von mindestens 1,5 Mrd. Euro über einen Zeitraum von zehn Jahren, die autonomen Fahrzeugkonzepte der Automobilindustrie sehr viel früher realisiert werden würden, als die Ertüchtigung des Schienenverkehrs. Erfreulich sei hier auch die große Anzahl der Patente, denn „Wir Grünen machen uns auch Sorgen um die vielen Arbeitsplätze in der Fahrzeugindustrie und wir möchten auch, dass das Auto der Zukunft aus Bayern kommt.

Am Ende der Diskussion herrschte allgemeiner Konsens darüber, dass dieser fruchtbare Gedankenaustausch und der schöne Dialog – nicht nur über die Zukunft der Mobilität – fortgesetzt werden soll.